Qamischli in Rojava

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Ich mag die respektvolle Freundlichkeit von Khaled und seine Massage meiner Kopfhaut vor und nach dem Haarschneiden.

Vorgestern erzählte mir Khaled von seiner Heimatstadt Qamischli im Nordosten Syriens, wo seine Mutter die momentanen 19 Grad Celsius unangenehm kühl empfindet.

Dieses Jahr besuchte Khaled nach 9 Jahren in der Ferne seine Familie und seinen Heimatort, in welchem ca. 200’000 Menschen leben, das erste Mal wieder.
Er zeigte mir Fotos seiner Familie. Den Stolz und die Freude des sympathischen jungen Mannes verstehe ich sehr gut.

Ein Bild, auf welchem der vielleicht neunjährige Khaled in Beschützerpose souverän lächelnd seine jüngeren Schwestern im Arm hält, gefällt mir besonders.
Eine Spielzeugpistole steckt locker in seinem Hosenbund.

Khaled erlebte die Rückkehr nach Qamischli als zwiespältig.
Einerseits konnte er seine Liebsten wieder umarmen und Zeit mit ihnen verbringen.
Andererseits erlebte er Gefühle des Fremdseins in der Stadt, in welcher er aufwuchs, welche ihm einst vertraut war, wo er als Junge sorglos herumtollte.
Für den kleinen Khaled war selbstverständlich, dass Menschen verschiedenster Religionen friedlich zusammenlebten.

Heute ist Qamischli eine wichtige Stadt in Rojava, ein unabhängiges kurdisches Staatsgebilde innerhalb von Syrien.
Rojava kämpft um internationale Anerkennung.

Khaled berichtete mir, dass er für viele Bekannte zum Schweizer geworden sei.
Ihn selber befremdete das konstante Nachfragen, warum er noch nicht verheiratet und Vater sei, zunehmend.
Er hat den Eindruck, dass seine Heimatregion, auch als Folge der grauenhaften Kriegswirren, denen er entflohen war, stehen geblieben ist.

Schulterzuckend meinte er, dass er zum Ausgleich in Basel als Syrer wahrgenommen werde, er sich manchmal nicht sicher sei, wo er hingehöre.

Seine Erfahrungen kann ich sehr gut nachvollziehen.
Meiner Geliebten, sie lebt seit 34 Jahren in der Schweiz, ging es oft ähnlich.
Auf unseren Reisen in ihr Heimatland beobachtete ich immer wieder, wie fremd ursprünglich Nahes meiner Frau geworden ist.

Was braucht es um sich heimisch zu fühlen?

Khaled ist, so habe ich den Eindruck, dankbar. Für die Gastfreundschaft und für die Chancen, die er in der Schweiz erhalten hat.
Im Gegensatz zu seinen Bekannten in Syrien konnte und musste er als sehr junger Mann sich in einer gänzlich neuen Umgebung zurechtfinden, was ganz sicher nicht immer einfach war, ihn aber auch wachsen und reifen liess.

Von meiner Frau, von Khaled, von etlichen jungen Flüchtlingen, welche ich in meiner Arbeit begleitet hatte, durfte und kann ich sehr viel lernen.
Beispielsweise das Vertrauen, dass vieles sich zum Guten entwickeln wird, Herzlichkeit und Dankbarkeit.

Qamischli und Basel, beide Städte trägt Khaled in seinem Herzen, sind Teil von ihm.

5. Dezember 2021


1 Kommentar

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  • Lieber Markus
    Einen wunderschönen, einfühlsamen Text hast du geschrieben.
    Auch ich unterrichte nun Syrer und Afghanen und Pakistani und Saudis und viele mehr.
    Sie sind sehr dankbar, in der Schweiz ein sicheres Leben gefunden zu haben.
    Und es gibt einige, die können nie mehr in ihre Heimat zurückkehren wegen den Kriegswirren ….
    Lieben Fast-Samichlaus-Gruss
    Beat