Lektüre “Gottes Schatten – Sultan Selim”

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Matamoros, auf deutsch Maurentöter oder Muslimtöter, ist eine Stadt mit ca. 500’000 EinwohnerInnen in Mexiko.
Ihren Namen erhielt sie von den spanischen Eroberern, welche im sechzehnten Jahrhundert sich verpflichtet fühlten, Muslime zu töten.

In seinem umfassenden und fundiert recherchierten Werk geht der amerikanische Historiker Alan Mikhail unter anderem der Frage nach, was die spanischen Eroberer veranlasste in den amerikanischen Ureinwohnern Muslime zu sehen, welche auszurotten seien.

Diese Geschehnisse haben für Alan Mikhail mit der erdrückenden Macht des osmanischen Sultans Selim (1470 – 1520) zu tun. Unter Selim erreichte das Osmanische Reich seine grösste territoriale Ausdehnung.
Kein europäischer Staat konnte militärisch und wirtschaftlich Paroli bieten. Osmanische Soldaten und Schiffe kontrollierten im Mittelmeerraum nach Belieben die Handelsrouten zwischen den bis anhin bekannten Gebieten in Asien, Afrika und Europa.

Mikhail erklärt am Beispiel von Christoph Kolumbus das verzweifelte Unterfangen Spaniens neue Handelsrouten zu suchen, welche nicht unter dem Einfluss des Osmanischen Reiches standen.
Quellenberichte legen Zeugnis ab, dass Kolumbus auf seiner Reise nach Indien, welche ihn nach Amerika verschlug, einen mächtigen Herrscher (Grosskahn) suchte, welcher Spanien im Kampf gegen Selim unterstützen würde.

Beeinflusst von seinen Erfahrungen mit der osmanischen Welt und gefangen in seinem Hass auf alles Nichtchristliche erschienen Kolumbus die Ureinwohner Amerikas, auf die er traf, sofort verdächtig. Er stufte sie als Muslime, also als Todfeinde, ein.

Beispielsweise erinnerten ihn Schals indigener Frauen an almaizares, maurische Schärpen.
Dieser Fehleinschätzung und den anschliessenden Massakern fielen viele Frauen, Männer und Kinder zum Opfer.
Der zunehmende Mangel an Arbeitskräften, auch verursacht durch eingeschleppte Krankheitsviren, führte dazu, dass die Spanier begannen Sklaven aus Afrika nach Amerika zu verschiffen, wo sie auf Plantagen und in Minen schuften mussten.
Nicht wenige unter ihnen waren Muslime!

Sultan Selim gründete seine Macht auf der Stärke seiner Elitetruppen, den Janitscharen. In der sogenannten Knabenlese entführten die Osmanen auf ihren Kriegszügen jeweils Knaben aus Christenfamilien und internierten sie, um aus ihnen fanatische Muslims zu formen.
Ein Janitschare heiratete in der Regel nicht, verschrieb sein Leben seinem Armeekorps und dem Sultan.

Dank diesen Elitekriegern, welche er jahrelang mit grosszügigen Geschenken bei Laune gehalten hatte, gelang es Selim seinen Vater, den amtierenden Sultan, abzusetzen.
Der nächste Schritt war, dass er seine drei Halbbrüder und deren männlichen Nachkommen umbringen liess.

Ein Sultan zeugte mit verschiedenen Damen seines Harems je einen männlichen Nachkommen.
Jeder Sohn wurde in seiner Erziehung darauf vorbereitet, der nächste Sultan zu werden. Wer es nicht auf den Thron schaffte, überlebte dies nicht. Zu gross war die Angst vor Rivalitäten.

Selim gewährte in seinem Reich Christen und Juden Glaubens- und Handelsfreiheit. Als Gegenleistung forderte er die Akzeptanz seiner Macht und Steuern.
War er Nichtmuslimen gegenüber tolerant, bekämpfte er als überzeugter Sunnit in seinem Reich Schiiten gnaden- und skrupellos.

Einen grösseren Teil seiner Regentschaft verbrachte Sultan Selim auf Eroberungszügen. Unter ihm vergrösserte das Herrschaftsgebiet des Osmanischen Reiches sich fast um ein Dreifaches.

Mit fünfzig Jahren erlag Selim dem Milzbrand oder der Pest, während er versuchte Marokko zu erobern.
Selim hatte die Vision von marokkanischen Atlantikhäfen aus Schiffe nach Amerika zu schicken.
Sülejman, Sohn und Nachfolger von Selim, verfolgte diese Pläne nicht weiter.

Alan Mikhail ist überzeugt, dass Sultan Selim ein nachhaltiges Erbe hinterlassen hat.
Beispielsweise bezieht sich der aktuelle türkische Präsident, Recep Tayyip Erdogan, immer wieder auf die Grösse und die Bedeutung des Osmanischen Reichs unter Selim, nach welchem die neueste Brücke über den Bosporus benannt ist.
Andererseits bekämpfen sich radikale Sunniten und Schiiten immer noch unerbittlich.

Ich bedaure, dass dieses Werk bloss 466 Seiten hat.
Die Lektüre fesselte, bereicherte mich und schenkte mir neue und andere Einsichten über eine spannende Zeitepoche, deren Auswirkungen heute noch seh- und spürbar sind.

10. September 2021

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