Música brasileira

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Ein lieber Freund fragte mich, ob ich über brasilianische Musik schreiben könnte.

Federleicht schwebt der Bossa Nova-Ohrwurm “Garota de Ipanema” von Antônio Carlos Jobim in mein Ohr.
Die weichen Gitarrenklänge lassen in mir das Bild sanfter Wellen, welche in einer idyllischen Bucht vom Sandstrand herzlich aufgenommen werden, aufsteigen.

Bossa Nova entstand in Rio de Janeiro aus Einflüssen von Samba und amerikanischem Jazz und bildete vor über 50 Jahren die Grundlage da música popular brasileira.
Gibt mein Freund im Internet MPB ein, hat er die Wahl der Qual sich zu entscheiden, was er hören möchte.
Unglaublich vielseitig und reich an verschiedenen Stilen präsentiert sich die brasilianische Musiklandschaft.
Traditionelle Musikrichtungen wie Choro, Pagode, Axé, Tropicália treffen auf Sambareggae, Funk und andere Musikstile, tanzen miteinander und mischen sich zum Teil keck und bunt.

Sepultura, Grab auf deutsch, lässt es hingegen krachen und dröhnen.

Faszinierend ist zu erleben, wie BrasilianerInnen bekannte Songs von der ersten bis zur letzten Zeile mitsingen können.
Beliebte KünstlerInnen wie beispielsweise Maria Bethânia, Chico Buarque, Gal Costa, Adoniran Barboso, Ivete Sangalo, Caetano Veloso, Jessé, Daniela Mercury, Roberto Carlos, Marisa Monte, Almir Sater, Elis Regina, Zé Ramalho, Elba Ramalho, Gilberto Gil, Nina Simeone und Milton Nascimento werden sowohl für ihre Poesie als auch für ihre Musik verehrt.

Samba ist für viele Nicht-BrasilianerInnen DIE brasilianische Musik.
Sie basiert auf traditionellen afrikanischen Musikstilen, importiert auf den Sklavenschiffen aus Afrika.
DEN Samba gibt es nicht, er variiert von Region zu Region und wird an den verschiedenen Karnevalsumzügen im ganzen Land zelebriert.

Fantasievoll und unglaublich reich kostümierte Samba-Schulen verwandeln beispielsweise auch die farblos und fad wirkende südbrasilianische Kleinstadt Joaçaba no carnaval in ein Tollhaus der Farben und Klänge.

Im Alltag sind den Lokalsendern in Südbrasilien hingegen keine Samba-Rythmen zu entlocken. Música Gaucha und Música Sertaneja dominieren zu 99,8%.
0,2% gehören internationalen Hits.
Música Sertaneja, auch brasilianische Country-Musik genannt, hat ihre Wurzeln im Sertão, eine  Region im Landesinnern, welche berüchtigt ist für ihre Trockenheit und die widrigen Lebensumstände.
Viele Einheimische flüchteten in den letzten siebzig Jahren in die Favelas der Grossstädte.
Mit ihnen zog dieser Musikstil, geprägt durch Texte voller Sehnsucht und Herzschmerz, mit.

Lange Zeit wurde Música Sertaneja als Música Caipira, Hinterwäldner-Musik, verächtlich abgetan. Heute füllen Superstars wie Chitãozinho e Xororó riesige Arenen wie das Maracanã-Stadion in Rio.
Stets tritt ein Gesangsduo auf, ausgestattet mit Cowboyhüten und Cowboybekleidung.
Das Akkordeon und die Bratsche spielen oft eine tragende Rolle im Aufbau der Songs.

Rita Lee eckte mit ihren offenherzigen Texten vor Jahren in konservativen Gesellschaftskreisen und unter der Militärdiktatur heftig an und zählt zu den einflussreichsten brasilianischen Musikschaffenden.
Mit wenigen Worten drückt diese Powerfrau in”Amor e sexo” viel aus.

Das Video “A Balada Do Louco – Ao Vivo” zeigt den Paradiesvogel Ney Mattagrosso, einen Künstler, der mich mit seiner Verspieltheit und Kreativität beeindruckt.
In diesem Musikstück singt er über die Vorzüge verrückter als der Durchschnitt zu sein.

Langsam lässt Raul Seixas seinen Song “Ouro de Tolo” ausklingen. Ich schliesse mich ihm an und bitte um Nachsicht für den kurzen, unvollständigen Text über dieses wunderbare Thema.

Joaçaba, 15. April 2022

1 Kommentar

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  • Lieber Markus
    Vielen Dank für diesen heissen, rhythmischen Exkurs in die brasilianische Musikwelt.
    Ich geniesse mit Susan das pure Gegenprogramm im ruhigen Camping in Flaach.
    Lass es dir gut gehen.
    Lieben Gruss
    Beat