Dienstag, 16. Februar 2021

D

Ich mag den Dienstagmorgen sehr.
Diesen nutzen mein Freund und ich seit bald drei Jahren für eine kurze Wanderung, für den Austausch und für unser Corona- Dreigang-Menü, bestehend aus Apfel, Sandwich, Mandelgipfel.

So speisen wir bei jedem Wetter auf einer Bank oder einem Holzstamm und lassen uns die gute Laune nicht verderben.
Eine bedeutsame Aussage unserer philosophischen Gespräche heute lautet “die Sonne scheint, der Eiszapfen weint.”

Ich bewundere an meinem Wanderfreund, dass er trotz der Erkrankung, welche ihn seit langer Zeit begleitet, seine Gelassenheit und seinen Humor beibehalten hat.

Heute informierte er mich über eine Quelle seiner Ausgeglichenheit. Vor Jahren traf er einen Bekannten, welcher unheilbar krank war.
Auf die Frage “woher holst du deine Kraft, so gut gelaunt zu sein?” antwortete sein Bekannter, dass er die Frage “warum soll es mich nicht treffen?” für sich nie habe schlüssig beantworten können.
Diese Tatsache helfe ihm sich nicht als willkürlich ausgesuchtes Opfer zu sehen.

Zwei Stunden nach diesem Gespräch überraschte mich ein älterer Mann aus Kalabrien vor unserer Haustüre auf dem linken Fuss. Er jammerte über seine finanziell angeschlagene Situation, dass es seiner Familie schlecht gehe.
Ich aber könne ihm helfen, wenn ich ihm 6 Flaschen Chianti aus der Toskana, welche er in einem Einkaufswagen spazieren führte, abkaufen würde.

Meine Information, dass meine Frau und ich eigentlich nie Wein trinken würden, kam irgendwo an, aber nicht bei ihm.
Schlussendlich ergab ich mich seinem südländischen Temperament und seinem Redewasserfall und kaufte zwei Flaschen, worauf er mir noch eine schenkte.

Auch jetzt, beim Beschreiben dieser Begebenheit, muss ich lachen, wie er mich über den Tisch gezogen oder wie er mich reich beschenkt hat. Es kommt auf meine Deutung an.

Ich freue mich heute Abend auf ein Glas vino tinto.

16. Februar 2021

3 Kommentare

  • Mir kommt ein lied von kris kristofferson in den sinn, das mich immer wieder umhaut. Es beginnt mit “Why me Lord?” und ich erwarte eigentlich einen grossen seufzer über die ungerechtigkeiten des lebens im sinn von: Wieso passiert das alles immer mir? Aber das lied dreht das genau um: Wieso passiert mir so viel (unverdientes) glück:
    “Why me Lord, what have I ever done to deserve even one of the pleasures I’ve known?”
    In diesem sinn stosse ich in gedanken mit dir an: prost auf das leben (auch in corona-zeiten 🙂